Vom Schnee vertrieben

Die Alpenkrähe. Die attraktiven schwarzen Vögel mit den roten Schnäbeln und Beinen brüten bei uns heute ausschliesslich im Wallis in Felsen in grosser Höhe. Ins Tiefland kommt die Alpenkrähe nur, wenn sie der Schnee aus ihrem angestammten Lebensraum vertreibt.


Im Flug fällt sofort das eckige Erscheinungsbild auf. Die breiten Flügel und der kurze Schwanz erinnern an einen Mäusebussard; die Silhouette der anmutigeren Alpendohle hingegen lässt eher an den Wespenbussard denken. Die Alpenkrähe beendet einen langen Gleitflug oft in einer kraftvollen Welle, die ihre dreifarbige Cousine praktisch nie durchführt. Bei der Nahrungssuche bohrt die Alpenkrähe mit ihrem langen, gebogenen Schnabel beharrlich an einer Stelle im Boden und dreht Steine oder Kuhfladen um. Dabei nimmt sie eine typische waagrechte Körperstellung ein. Die Alpendohle hingegen trippelt umher und pflückt die Insekten rasch von der Oberfläche ab. Sie scheint auch weniger häufig mit den Flügeln zu «klicken» als die Alpenkrähe. Aus der Nähe wird es dann vollständig klar: Der elegante rote Schnabel fällt genau so auf wie die ebenfalls roten Beine.

Wer aufgrund der optischen Merkmale weiterhin unsicher ist, ob es sich um eine Alpenkrähe oder doch um eine Alpendohle handelt, achtet am besten auf die Stimme. Noch bevor sich die Alpenkrähe zeigt oder wenn sie sich in einem Alpendohlenschwarm versteckt, verrät sie sich durch explosive «kjau»- oder «kschaf»-Rufe. Manchmal ruft sie auch durchdringend und verloren «kiu».

Potenzieller Kulturfolger

Die Alpenkrähe ist ein Höhlenbrüter. Ihre Nahrung, hauptsächlich Insekten, sucht sie am Boden in offenen Lebensräumen mit kurzer Vegetation. Als Standvogel meidet sie Regionen mit starkem Schneefall im Winter. Alpenkrähen, die auf den abgeweideten Flächen des Causse Méjean im französischen Zentralmassiv zwischen den Beinen der Przewalski-Pferde nach Insekten suchen, zeigen durchaus das Potenzial für einen Status als Kulturfolger. Zwar bevorzugen sie gemähte oder abgeweidete Wiesen, suchen ihr Glück aber auch in alpinen Rasen. Dabei folgen die Vögel gerne dem feuchten Rand der Firne und begleiten die Schneeschmelze, um dem hoch wachsenden Gras auszuweichen.

Die Verbreitung der Alpenkrähe erstreckt sich mosaikartig über die Paläarktis von den Britischen Inseln bis in den hintersten Winkel Chinas und umfasst die Bretagne und das Zentralmassiv in Frankreich, die Pyrenäen, das Atlasgebirge, einen Vorposten in Äthiopien, die Türkei und den Himalaya, wo die Art bis auf eine Höhe von 6000 m ü.M. brütet.

In Schottland, England, Irland und der Bretagne profitiert die Alpenkrähe vom Golfstrom und brütet in Steilküsten am Meer. Ihre Nahrung sucht sie auf angrenzenden Schafweiden. Die grossen Populationen im Süden Europas auf der Iberischen Halbinsel, im Zentralmassiv, in den Westalpen und im Appenin, auf der Balkanhalbinsel und auf den Mittelmeerinseln besiedeln Bergzüge mit trockenem Klima. Hier suchen die Vögel auf natürlichen Flächen wie Steppen oder alpinen Rasen nach Nahrung und brüten hauptsächlich an Felswänden, in Karsthöhlen und Schluchten. Wenn Felsen fehlen, verschmähen sie auch Gebäude nicht, wie dies in Marokko, der Türkei und im Himalaya zu beobachten ist. 

Auch in der Schweiz ist diese Situation zu finden. Im 19. Jahrhundert brütete die östliche Population in Nischen an Kirchtürmen und Schlössern zwischen 1230 und 1520 m ü.M. Diese Brutpaare suchten ihre Nahrung in den Feldern und Wiesen der montanen Stufe. Falls es damals in den Bergen Brutpaare gab, waren sie im Winter von den Kulturflächen abhängig. Diese Randpopulationen fielen als erste den Veränderungen der landwirtschaftlichen Nutzung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Opfer, denn diese waren verbunden mit dem Rückgang von Wiesen mit kurzer Vegetation und offenen Böden. Das letzte Brutpaar lebte im Schloss Tarasp GR und konnte jeweils vom Innern des Schlosses aus beobachtet werden. Dieses Brutpaar überwinterte bereits nicht mehr im Engadin; 1968 verliess es das Schloss. 

Die Walliser Population, die den nördlichen Vorposten für die kontinuierlichen Bestände der Westalpen bildet, ist auf natürliche Rasen und Felswände angewiesen. Nur im Winter ist die Art hier auf landwirtschaftlich genutzten Flächen anzutreffen, hauptsächlich in Heuwiesen.

Die Bestände der Alpenkrähe nehmen mit zunehmender Grösse der Nahrungsfläche und der Seltenheit der Schneefälle zu. In geeigneten Regionen können die Brutnischen zum limitierenden Faktor werden. Dies kann die Alpenkrähen dazu zwingen, sich entweder in «Kolonien» zusammenzuschliessen wie im Verdon (F) oder auf Gebäude auszuweichen.

In den Alpen ist dies nicht der Fall: Hier sind im Verhältnis zu den Nahrungsbiotopen genügend Brutnischen vorhanden.

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Im Flug zeigt die Alpenkrähe ihren langen Schnabel und die roten Beine, insbesondere aber ihr unverwechselbares, kantiges Erscheinungsbild. © Peter Keusch

Auf Lücken im Schnee angewiesen

In der Bretagne und in England gelang es, durch die Wiedereinführung oder Ausweitung der Schafweide den Rückgang der Alpenkrähe zu stoppen und die Bestände wieder aufzubauen. In den anderen Regionen Europas scheint die traditionelle Tierhaltung – Schafe in den Abruzzen oder den Basses-Alpes, Schafe und Pferde in den Causses des französischen Zentralmassivs oder in den Pyrenäen – noch genügend präsent zu sein. Hier ist die Alpenkrähe nicht gefährdet und findet neben den Weiden auch natürliche Biotope vor.

In der Schweiz lebt die Alpenkrähe im Zentralwallis in einem Perimeter von 25 Kilometern um die 800 mm-Niederschlagszone. Hier besteht immer ein Angebot an schneefreien Flächen – sei es, weil hier das trockenste Klima der Schweiz herrscht, sei es wegen der Höhenlage, der Exposition, dem Föhn oder Lawinenabgängen. 1976 schätzte man den Bestand auf 40 Paare. Seither wurden durch genaue Untersuchungen auf einer Fläche von 4500 Quadratkilometern zwischen Reckingen und Saint-Maurice 73 Brutplätze lokalisiert, die regelmässig von 65 Brutpaaren besetzt sind. Bis auf zwei Ausnahmen sind alle gefundenen Nester unsichtbar in Felsnischen zwischen 1700 und 2900 m ü.M. angelegt und befinden sich jeweils 5 bis 200 Meter über Boden. Die wenigen beobachteten Familien hatten zwei bis drei Junge. 

Die vor kurzem neu entdeckten Brutplätze im Ober- und Unterwallis sind auf eine systematische Suche zurückzuführen und nicht etwa auf eine Bestandszunahme; die Anwesenheit der Alpenkrähe im Goms und in Chamonix wurde schon früher gemeldet. Wiederholte Bestandszählungen haben keine Fluktuationen der Brutbestände zu Tage gebracht, und auch die Winterbestände sind stabil. Insgesamt hat die Zunahme der Beobachtungen, die auf die Zunahme der Beobachter und auf die elektronische Flüsterpropaganda zurückzuführen ist, unsere Kenntnisse über die Art also nicht verändert.

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Im kurzen Rasen stochern die Alpenkrähen nach Nahrung. Im Bild ist die typische waagrechte Körperstellung gut sichtbar. © Peter Keusch

Lange Suchflüge

Die Alpenkrähe brütet früh im Jahr. Mitte Juni, wenn noch grosse Flächen oberhalb von 2000 bis 2500 m ü.M. mit Schnee bedeckt sind, verlassen die ersten Jungvögel das Nest. Während der Jungenaufzucht sind die alpinen Brutpaare oft zu langen Suchflügen gezwungen. Um möglichst unterschiedliche Flächen für die Futtersuche erschliessen zu können, brüten die Vögel weit voneinander entfernt.

In Nestnähe verhält sich die Alpenkrähe sowohl Artgenossen als auch Alpendohlen und Dohlen gegenüber sehr aggressiv. Sie ist stärker als die beiden anderen Arten und zögert auch nicht, Kolkraben oder Steinadler zu verfolgen. Wenn ein Kolkraben- oder Bartgeierpaar sich wenige Meter neben einem traditionellen Alpenkrähennistplatz niederlässt, verlegt das Alpenkrähenpaar zwar etwas den Niststandort, lässt sich aber nicht am Brüten hindern.

Die Walliser Alpenkrähen sind Standvögel. Solange es die Bedingungen zulassen, suchen sie ihre Nahrung auf über 2000 m ü.M. auf Bergkämmen, die dem Wind ausgesetzt sind. Wie bei der Alpendohle zwingt nur der Schnee die Vögel zum täglichen Ortswechsel an niedriger gelegene Hänge oder den Talboden. Beim Rückflug am Ende des Tages teilt sich der Schwarm nach und nach in kleinere Gruppen und dann Brutpaare auf, die ihre angestammten Felsnischen aufsuchen.

Bei ausserordentlicher Schneedecke bieten die Steppen der Tieflagen mit ihren flachgedrückten Gräsern, den offenen Böden und den bemoosten Felsen die letzte Ausweichmöglichkeit. Dies ist vielleicht der Grund, dass die Art im Wallis überlebt. Die Bestände können von Tag zu Tag variieren, wie dies schon in Leuk oder Evolène beobachtet wurde. Oder sie tauchen plötzlich an einem neuen Ort auf wie die 15 Alpenkrähen im Winter 2013 in Fully. Dahinter steckt nicht etwa eine globale Bestandsveränderung, sondern die Verlegung der traditionellen Nahrungsstandorte. 

Die Bestände der Alpenkrähe im Wallis scheinen also weitgehend stabil. Ein gewisses Gefährdungspotenzial bietet die Produktion von erneuerbaren Energien. So brütet mindestens ein Paar unter dem herbstlichen Maximalwasserstand eines Stausees. Eine frühere Füllung des Sees durch Pump-Speicherung wäre fatal. Einen Mortalitätsfaktor könnten Windenergieanlagen darstellen, wenn sie in Flächen zu stehen kommen, die im Frühling zur Nahrungssuche genutzt werden. Kaum eine Gefahr hingegen dürften die Klettersteige in jenen Höhenlagen sein, wo Alpenkrähen vorkommen – solange sie nur ausserhalb der Brutsaison benutzt werden. Einen Engpass könnten die Flächen darstellen, die sich im Winter für die Nahrungssuche eignen. Damit die Alpenkrähen von ihnen profitieren können, müssen sie in geeigneter Art und Weise landwirtschaftlich genutzt werden. Nur wenn sie nicht verbuschen oder in Intensivkulturen wie Mais überführt werden, kommen sie der Alpenkrähe zugute.

Nicht alle Geheimnisse gelüftet

Bis zu sieben Kilometer können sich Alpenkrähen vom Nest entfernen. So sucht das Brutpaar aus dem oberen Bereich des Zinal-Tals regelmässig in Evolène nach Futter. Dies erschwert die Suche nach Niststandorten. Hinzu kommen das kurze Zeitfenster, das sich für die Suche eignet, die instabilen Wetterbedingungen und der schwierige Zugang zu den Nistplätzen. 

So kommt es, dass trotz der übersichtlichen Zahl von Alpenkrähen in der Schweiz noch immer nicht alle Neststandorte bekannt sind. Einzelne Paare am Rand des Verbreitungsgebiets blieben bisher unentdeckt – und werden dies wohl auch weiterhin bleiben.

Pierre-Alain Oggier, ehemaliger Präsident von Pro Natura Wallis, ist Autor des Buchs «Die Fauna» aus der Sammlung «Erkenne die Natur im Wallis». Bis 1993 führte er ein Ökobüro; seither leitet er die Ersatzmassnahmen im Zusammenhang mit dem Bau der A9 im Wallis.

Übersetzung aus dem Französischen: Dr. Eva Inderwildi

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