Die scheue und unauffällige Zaunammer ist eine charakteristische Bewohnerin sonniger Hänge, insbesondere von Rebbergen. Dass wir die Anwesenheit dieses hübschen mediterranen Vogels überhaupt bemerken, ist oft nur seinem Gesang zu verdanken – einem charakteristischen Triller, der vor allem im Frühling zu hören ist. Dabei sitzt das Männchen gut versteckt in einem Baum und wiederholt den Gesang stundenlang.
Im Rahmen eines grossen Artenförderungsprojekts setzt sich BirdLife Schweiz zusammen mit der BirdLife-Landesorganisation Ficedula im Tessin seit fast 20 Jahren für die Zaunammer ein. Davon profitieren auch Arten wie Steinkauz, Wiedehopf und andere Kulturlandarten.
Die Zaunammer ähnelt ein wenig der Goldammer, ist jedoch etwas kleiner. Das Männchen hat eine rotbraune Grundfarbe und zeichnet sich durch die gelb-schwarz gestreifte Maske aus. Charakteristisch sind auch die schwarze Kehle und das olivgrüne Kehlband. Das Weibchen ähnelt dem Männchen, ist jedoch blasser gefärbt. Bezüglich ihrer Lebensraumansprüche wird die Zaunammer gerne mit drei Adjektiven beschrieben: heliophil, xerophil, thermophil. Sonnig, trocken und warm sollte es also sein. Man denkt dabei sofort an Hänge am Mittelmeer mit Olivenbäumen, Zitrusfrüchten und Erdbeerbäumen. Tatsächlich handelt es sich um eine Art, die im mediterranen Raum, aber auch am Atlantik verbreitet ist.
Auch im Tessin bevorzugt die Zaunammer trockene, warme und grasbewachsene Hänge. Wichtig sind zudem Strukturen wie Einzelbäume, Sträucher, Hecken und Dornsträucher. Ähnliche Lebensräume findet der Vogel teils auch im Siedlungsraum wie etwa in grossen Gärten.
Eine Weinliebhaberin
Interessanterweise deckt sich das Verbreitungsgebiet der Zaunammer fast perfekt mit dem der Weinrebe, da sie fast alle Anforderungen hinsichtlich Klima, Trockenheit etc. mit dieser Pflanze teilt. Entsprechend eng ist die Ammer an Rebberge gebunden und kommt nördlich nur bis zur imaginären Linie von der Rheinmündung bis zum Donaudelta vor. In der Schweiz finden wir die Zaunammer vor allem entlang des Genfersees, am Jura-Südfuss, im Rhonetal und im Rheintal unterhalb von Chur sowie im Tessin.
Über 30 Winzer/innen fördern im Rahmen des BirdLife-Artenförderungsprojektes die Zaunammer und andere Arten im Mendrisiotto. Bilder: aufgewertete Rebberge in Pedrinate und Salorino. © BirdLife
Ab Ende des Winters beginnen die Männchen, ihr Revier gegen Rivalen zu verteidigen. Sobald sich ein Paar gebildet hat, beginnt im April die Suche nach einem Nistplatz, der in der Regel in Sträuchern oder anderer Vegetation wie z. B. Efeu an Trockenmauern liegt. Die Eier werden ausschliesslich vom Weibchen bebrütet; die Jungen schlüpfen nach etwa 12 bis 13 Tagen. Die Jungvögel, die von beiden Elternteilen gefüttert werden, bleiben 11 bis 14 Tage im Nest. Normalerweise brüten die Vögel zweimal pro Jahr. Jetzt zur Brutzeit ernährt sich die Zaunammer hauptsächlich von Insekten und Spinnen – im Herbst stellt sie ihre Nahrung hingegen um und wird zur Körnerfresserin.
Studie enthüllt wichtigste Habitatstrukturen
2017 führte der Schreibende die Feldarbeit für seine Abschlussarbeit über die Zaunammer in den Rebbergen des Mendrisiotto durch. In diesem Gebiet im Südtessin ist die Zaunammer besonders häufig. Ziel der Studie war es, die geomorphologischen Merkmale des Lebensraums und die Landnutzung der Zaunammer zu verstehen, um dann den Winzern Empfehlungen für die Bewirtschaftung geben zu können.
Nach einer ersten Erfassung der Art in den 68 grössten Rebbergen wurden zwölf Untersuchungsgebiete festgelegt, in denen die Art vorkam. Jedem dieser Gebiete wurde eine Kontrollfläche zugewiesen, in der es keine Zaunammern gab. Diese 24 Flächen wurden dann paarweise hinsichtlich Landnutzung und Geomorphologie verglichen. Darüber hinaus wurden auch die in den Rebbergen vorhandenen Bäume und Sträucher gezählt und weitere Faktoren aufgenommen.
Die Analysen haben gezeigt, dass das Vorkommen der Zaunammer positiv mit der Grösse der Rebfläche, dem Vorkommen von Bäumen und Sträuchern und vor allem mit der Dimension der Wiesenflächen korreliert. Dies unterstreicht die Wichtigkeit einzelner Bäume und Sträucher wie auch von Wiesenflächen, welche der Zaunammer Nist- und Nahrungsmöglichkeiten bieten. Diese Landschaftselemente sowie ganz allgemein die Heterogenität der Landschaft begünstigen auch das Vorkommen anderer Arten, die mit offenen Agrarlandschaften in Verbindung stehen, wie Wiedehopf, Neuntöter, Wendehals und Gartenrotschwanz.
Im Rahmen der Studie schlug der Schreibende daher einige Bewirtschaftungsmassnahmen vor. Sie richten sich an Winzer/innen, die sich für den Naturschutz im Allgemeinen und die Förderung der Zaunammer im Besonderen einsetzen möchten. Die erste Massnahme betrifft die Förderung geeigneter Nist- und Sitzplätze, indem möglichst viele Einzelbäume und Sträucher im Rebberg und in seiner unmittelbaren Umgebung erhalten bleiben und neu gepflanzt werden. Mit der zweiten Massnahme wird vorgeschlagen, die Anzahl der nicht gemähten Grasflächen zu erhöhen, beispielsweise entlang der Steilhänge der Weinberge oder an deren Rändern. Schliesslich wird empfohlen, ein übermässiges Mähen der Grasflächen sowohl während der Fortpflanzungszeit als auch am Ende der Vegetationsperiode zu vermeiden, um der Art eine Nahrungsreserve in Form von Samen für den Winter zu sichern.
Die Zaunammer liebt es sonnig, warm und trocken. Im Bild ein Weibchen. © Ralph Martin
Die Ergebnisse der Studie zeigen einmal mehr, dass die Bewirtschaftung der Rebberge einschliesslich der umgebenden Landschaft einen erheblichen Einfluss auf die Biodiversität hat. Die Winzer/innen können zu «Botschafter/innen für Biodiversität» werden, indem sie durch verantwortungsvolle Praktiken mit ihrem Handwerk und ihrer Leidenschaft dieses wichtige Gemeingut fördern können.
Ermutigende Ergebnisse
Inzwischen hatte der Schreibende im Rahmen des Artenförderprojekts von BirdLife Schweiz und Ficedula im Tessiner Kulturland die Gelegenheit, die vorgeschlagenen Massnahmen in die Praxis umzusetzen. Über 30 motivierte Winzer/innen und Landwirt/innen haben im Mendrisiotto zahlreiche Bäume, Sträucher und Hecken gepflanzt. Das Projekt läuft noch immer, mit ermutigenden Ergebnissen: In den letzten Jahren hat die Population der Zaunammer im Mendrisiotto deutlich zugenommen. Neben den Fördermassnahmen ist wohl teilweise auch der Klimawandel dafür verantwortlich. Die Hoffnung ist, dass die Zaunammer zu einer echten Botschafterin für einen menschen- und umweltfreundlichen Rebbau wird und dazu beiträgt, das Bewusstsein für den Erhalt vieler bedrohter Arten und natürlicher Lebensgemeinschaften im Kulturland zu schärfen.
Ein ökologisch wertvoller Rebberg mit vielen Strukturen wie Einzelbäumen, Gebüschgruppen und Wiesenflächen wird nicht nur von der Zaunammer und anderen Arten deutlich bevorzugt, sondern trägt auch viel mehr zum landschaftlichen und ästhetischen Wert eines Gebiets bei als sterile, intensive Monokulturen.
Patrick Heitz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter Artenförderung im Tessin. Er dankt BirdLife Schweiz, Ficedula und insbesondere Roberto Lardelli für die Begleitung seiner Diplomarbeit.
Erfolgreiche Projekte dank Spenden
BirdLife-Artenförderungsprojekte wie das hier beschriebene sind nur möglich dank der grosszügigen Unterstützung durch Spender/innen. Wenn Sie ein Projekt mit einer grösseren Spende unterstützen möchten, informieren wir Sie gerne persönlich über die Möglichkeiten:
Ann Walter
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Triller im Rebberg