Schwarzspechte schützen

Vorsorgen für die Zukunft. Der Schwarzspecht gehört zu den Vogelarten, deren Bestände in den letzten Jahren anstiegen. Dies ist auf den konsequenten Waldflächenschutz und den naturnahen Waldbau der letzten Jahrzehnte zurückzu-führen. Der zunehmende Nutzungsdruck auf die Wälder könnte diese positive Entwicklung aber zunichte machen. Der Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz setzt sich deshalb schon heute dafür ein, dass der Schwarzspecht auch übermorgen noch in unseren Wäldern leben kann.


Gute Nachrichten liest man in den Medien eher selten. Dies trifft leider auch für den Naturschutz zu: Rote Listen, Lebensraumzerstörung und Gefährdungen aller Art gehören zum Tagesgeschäft. Der Schwarzspecht, Vogel des Jahres 2011, bildet hier eine erfreuliche Ausnahme. Er ist weder europaweit noch in der Schweiz gefährdet. In den letzten zwanzig Jahren gehörte er zu den Gewinnern unter den Schweizer Brutvögeln und konnte seinen Bestand sogar steigern. Die neusten Zahlen des Zürcher Brutvogelatlas 2008 belegen diesen Trend: Der Schwarzspecht hat sein Verbreitungsgebiet von 115 Quadraten mit zwei Kilometern Seitenlänge auf 281 Quadrate mehr als verdoppelt. Selbst die Wälder der Stadt Zürich sind eines der heutigen Verbreitungszentren im Kanton.

Die Zunahme des Schwarzspechts steht stellvertretend für weitere Vogelarten im Wald, insbesondere für andere Spechte. Verantwortlich für diese guten Nachrichten sind je nach Vogelart verschiedene Entwicklungen. Insbesondere profitieren Spechte aber vom Älterwerden der Wälder und von der Erhaltung der Waldflächen.

Profiteur der letzten Jahrzehnte


Unsere Wälder sind in den letzten Jahrzehnten dank tiefem Holzpreis immer vorratsreicher und älter geworden. Buchen wurden stehen gelassen und erreichten dadurch den für Schwarzspechthöhlen notwendigen Durchmesser. Durch das vermehrte Liegen- oder Stehenlassen von toten Bäumen und dicken Ästen, die von holzbewohnenden Insekten besiedelt werden können, ist der Vorratsschrank von Schwarzspecht und Co. besser gefüllt als auch schon. Andererseits hat die erste Kampagne für mehr Naturschutz im Wald ab Mitte 1980 dazu geführt, dass viele Förster gegenüber den Kreisläufen der Natur offener sind und Bäume mit Bruthöhlen öfters schonen.

Schwarzspecht Hoehle SVS
Solche Baumhöhlen dienen nicht nur dem Schwarzspecht.....
Kleinerabendsegler
.... sondern zum Beispiel auch dem Kleinen Abendsegler, der sich gerne tagsüber hier versteckt.
© Dietmar Nill, naturepl.com


Der Waldflächenschutz ist ein weiteres Erfolgsmodell, das der Biodiversität im Wald eine kontinuierliche Fläche zusichert und die Erhaltung von Naturwerten ermöglicht. Müsste der Wald dem Siedlungsdruck weichen, gäbe es wohl kaum mehr süd-exponierte, bewaldete Hänge im Mittelland und somit auch kaum mehr in dieser Lage häufig zu findende Schwarzspecht-Höhlenzentren.

Wenn es dem Schwarzspecht also gut geht, weshalb braucht er dann unsere Aufmerksamkeit? Zwei wichtige Gründe sprechen dafür, sich für den Schutz des Schwarzspechts zu engagieren. Erstens ist er eine Zeigerart für Alt- und Totholz. Dieses wird heute wieder vermehrt als Energieholz verbrannt. Zweitens ist der Schwarzspecht eine Schlüsselart für Höhlenbewohner, die im Wirtschaftswald ohne ihn keine Unterkunft hätten (siehe Ornis 1/11). Für den Höhlenbau braucht er alte, mindestens vierzig Zentimeter dicke Buchen oder Weisstannen. 

Bezüglich Höhlenbäumen besteht also ein Nutzungskonflikt. Heute werden Buchen oftmals gefällt, wenn sie 100 bis 120 Jahre alt sind. Die Tendenz in der Waldwirtschaft geht aber hin zu kürzeren Umtriebszeiten. Das heisst: Buchen werden bereits zwanzig bis dreissig Jahre früher geschlagen. Da im Wirtschaftswald ältere Waldstadien über die Optimalphase hinaus grösstenteils fehlen (siehe Ornis 1/11), bleiben Höhlenbäume meist auch nicht bis zum Zerfall stehen.

Schwarzspechthöhlen können vom Schwarzspecht über dreissig Jahre genutzt werden; danach nisten sich die Nachmieter ein, bis die Höhle oder der ganze Baum zerfällt. Da Schwarzspecht-Bruthöhlen manchmal nicht einfach zu finden sind, werden die Bäume gelegentlich aus Versehen gefällt. 

Winterquartiere schonen


Für die zahlreichen Arten, die von Schwarzspecht-Höhlen profitieren, ist der Schlag eines Höhlenbaums mitten im Winter ein kritischer Moment. Viele Fledermausarten, Baummarder oder andere Säugetiere verbringen den Winterschlaf in Schwarzspecht-Höhlen. Auch der Schwarzspecht nutzt ausserhalb der Brutzeit Schlafhöhlen. Winterliche Fällungen von Höhlenbäumen führen für diese Arten zum Verlust des Winterquartiers und zu massiven, teils tödlichen Störungen. Eine konsequente Schonung von Höhlenbäumen oder eine Nutzung zu einem weniger kritischen Zeitpunkt im Herbst (Oktober) ist deshalb für diese Arten notwendig.

Schwarzspecht Aschoellhorn

Solche Höhlenbäume sollten im Winter nicht geschlagen werden. © Andreas Schoellhorn


Mit der steigenden Nachfrage nach klimafreundlichen Holzschnitzel­heizungen wird sich in den nächsten Jahren ein weiterer Nutzungskonflikt zuspitzen – jener der Nutzung von Totholz als Energieholz. Kronen, Stöcke und wenig Holzertrag bringende Stämme werden bei Holzerarbeiten häufig nicht mehr als Totholz stehen- oder liegengelassen, sondern als brennbare Energiequelle wirtschaftlich genutzt. Es droht die Gefahr, dass wir unsere Totholzfauna buchstäblich verheizen und damit auch die Nahrung für den Schwarzspecht. Eine Abnahme des Totholzbestands wäre sowohl für den Schwarzspecht als auch für zahlreiche weitere Waldbewohner fatal und würde die Errungenschaften der letzten Jahre bezüglich Biodiversität im Wald in Frage stellen. Hier müssen Lösungen in der Bewirtschaftung der Wälder gesucht werden: Schlechtere Holzqualitäten sind wo möglich länger stehen zu lassen, um sie dann als Brennholz zu nutzen. Mittelwälder mit langen Umtriebszeiten wären hier eine gute Lösung.

Verstärktes Engagement gefordert


All diese Konflikte verlangen nach einem verstärkten Engagement des Naturschutzes sowohl für den Schwarzspecht als auch für seine Nachnutzer und andere Waldbewohner. Ein moderner Waldentwicklungsplan sollte in Ergänzung zu einer gemäss dem naturnahen Waldbau bewirtschafteten Fläche auch Naturwaldreservate und Altholzinseln enthalten, wo keine oder eine zeitlich aufgeschobene forstliche Nutzung stattfindet. Wie bei der Vernetzung in der Landwirtschaft ist auch hier wichtig, dass sich selbst überlassene, grössere Naturwaldreservate und mindestens ein bis fünf Hektaren grosse Altholzinseln ein Netzwerk bilden, das für die oft wenig mobilen Tiere der Zerfallsphasen über Biotop- und Höhlenbäume verbunden ist.

Bei der Planung von Altholzinseln kommt der Schwarzspecht wieder ins Spiel: Seine Höhlenzentren zeigen eine optimale Ausgangslage zur Bildung von Altholzinseln mit hoher Biodiversität an. Wo keine Altholzinseln stehen, stellen einzelne Höhlenbäume des Schwarzspechts wichtige Trittsteine für Nachnutzer wie Mulmspezialisten, Hohltauben, Fledermäuse und andere Tiere dar. Während Altholzinseln und Naturwaldreservate planerisch verankert werden müssen, kann man als Naturschutzverein beim Schutz der Biotop- und Höhlenbäume umgehend aktiv werden (siehe Kasten).

Spechtbaummarkieren Majasuter
© Maja Suter
Spechtbäumebruggerberg
© Reproduziert mit Bewilligung von swisstopo (BA110402)
Die SVS-Sektion BirdLife – Naturschutz Brugg und Umgebung macht es vor: 22 Helferinnen und Helfer markierten im Winter 2010/11 am Bruggerberg AG in 51 Einsätzen Spechtbäume (links). Die roten Punkte auf der Karte oben stellen die markierten Bäume dar.


Ein Beispiel für den Schutz von einzelnen Höhlenbäumen findet sich in den Gemeinden Stadel, Glattfelden, Weiach und Bachs im Zürcher Unterland. Da in der regionalen Waldentwicklungsplanung keine Altholzinseln vorgesehen waren, setzte man sich für die Kartierung und Markierung von Schwarzspecht-Höhlenbäumen ein – dies auch, weil in den vier Gemeinden gute Bestände von Hohltauben und Dohlen zu finden waren. Die Orniplan AG, unterstützt von Robert Sand vom NVV Glattfelden, suchte daraufhin die Wälder der vier Gemeinden nach Schwarzspechthöhlen ab und markierte diese, sofern sie Teil des öffentlichen Waldes waren. Von den 87 gefundenen Höhlenbäumen blieben so über zehn Jahre hinweg fast alle erhalten. Nur wenige Verluste durch Windbruch und eine einzelne Fällung mussten beklagt werden, während in einigen Fällen markierte Bäume bei Durchforstungen klar geschont wurden. Das Specht-Signet am Baumstamm machte den Förstern die Höhlenbäume sichtbar, und die Revierförster konnten sich bei der Arbeitsplanung anhand eines Plans mit den Höhlenstandorten orientieren. 

Schwarzspecht Foersterroth SVS

Die Förster kennen ihren Wald. Wer sich auf die Suche nach Höhlenbäumen macht, setzt sich deshalb am besten als erstes mit ihnen in Verbindung. © SVS


Trotz des Schutzes der Höhlenbäume zeigten sich aber auch Nachteile. Bei geschonten, aber rundherum freigestellten Höhlenbäumen wurde bald ein Funktionsverlust sichtbar, da diese Bäume exponiert durch Wind und Sonne oft nur noch kurze Zeit nutzbare Höhlen aufwiesen. Bald gingen sie durch Windbruch oder Sonnenbrand verloren. Dieses Problem liesse sich vermeiden, wenn eine Gruppe von Bäumen um den Höhlenbaum stehen bliebe. 

Um dem Schwarzspecht und seinen Höhlen-Nachnutzern auch in Zukunft einen Lebensraum in den Schweizer Wäldern zu garantieren, ist ein Netzwerk aus Naturwaldreservaten, Altholzinseln und geschützten Höhlenbäumen die beste Strategie. Gleichzeitig gilt es, im Wirtschaftswald Totholz zu erhalten, denn hier lebt die wichtigste Nahrung der Spechte: holzlebende Insekten.

 

David Marques ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Orniplan AG in Zürich. Christa Glauser ist stellvertretende Geschäftsführerin von SVS/BirdLife Schweiz; sie leitet die Waldkampagne.

 

Aktion Höhlenbäume suchen und sichern


Der Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz startet in Absprache mit dem Verband Schweizer Forstpersonal (VSP) in der zweiten Septemberhälfte 2011 die Aktion «Höhlenbäume suchen und sichern». Spechthöhlen sucht man am besten nach dem Laubfall bei leicht bedecktem Himmel und trockenen Verhältnissen; auf nassen Bäumen sind die Höhlen weniger gut sichtbar. In Parzellen mit einem alten Buchen- oder Weisstannenbestand ist die Wahrscheinlichkeit grösser, auf Höhlenbäume zu stossen. Vereine, Schulklassen oder Jugendgruppen können zu ihrem Schutz beitragen, indem sie auf die Suche nach Höhlenbäume gehen. Ganz wichtig ist, dass bereits die Idee mit dem zuständigen Förster und Waldbesitzer abgesprochen wird. Der Förster wird der Gruppe auch mitteilen, wie die Bäume aufgenommen werden sollen, ob mit GIS, auf Plänen eingezeichnet oder markiert mit einem Plastikband. Die definitive Markierung sollte gemäss Absprache mit dem Verband Forstpersonal Schweiz ein blauer Specht sein. Dieser wird viermal rund um den Baum angebracht, damit die Markierung von allen Seiten her gesehen werden kann. Dies ist wichtig, da heute bei Erntearbeiten häufig Forstunternehmen eingesetzt werden, die nicht jeden Baum so gut kennen wie der lokale Förster. Gesamtschweizerisch wird ein einheitliches Signet angestrebt. Eine Vorlage kann auf beim SVS bezogen werden, sie steht ab Ende September auf der Homepage www.birdlife.ch/wald zur Verfügung. Dort können auch ein Merkblatt zur Aktion und das Anmeldeformular heruntergeladen oder unter Tel. 044 457 70 20 bestellt werden. Für Schulklassen und Jugendgruppen gibt es ein 18-seitiges Arbeitsdossier Schwarzspecht mit Arbeitsblättern.

Fragen zur Aktion beantwortet Ihnen gerne auf der SVS-Geschäftsstelle Christa Glauser, Tel. 044 457 70 24.

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