«Rinder im Wald? Die trampeln doch alles nieder und zerstören die Bäume!» Solche und andere vorschnelle Urteile muss sich Max Gasser, Präsident des Natur- und Vogelschutzclubs NVSC Bözberg, immer wieder anhören, wenn er vom Beweidungsversuch seines Vereins auf dem Bözberg erzählt. Seit 2003 weidet nämlich eine Herde Rinder im Pfeifengras-Föhrenwald im Gebiet Feldhübel. Ziel des kontrollierten Versuchs ist nicht die Nutzung des Gebiets, sondern die «sanfte» Pflege zugunsten der Orchideen, die hier vorkommen.
Das Ergebnis der Erfolgskontrolle kann sich sehen lassen: Seit Beginn des Beweidungsversuchs hat im betroffenen Gebiet sowohl die Arten- als auch die Individuenzahl seltener Pflanzen zugenommen. Fliegen- und Bienenragwurz blühen wieder, der Bestand der Fuchs-Fingerwurz ist um fast das Vierfache angewachsen.
Die Pfeifengras-Föhrenwälder auf dem Bözberg werden schon lange gepflegt. Hier hatte es schon immer die eine oder andere Orchidee, ab und zu wurde auch eine neue Art entdeckt. Anfang der 1980er-Jahre haben die Vereinsmitglieder zusammen mit dem Förster das Gebiet zuerst entbuscht. Ab dann mähten sie das kupierte Gelände alljährlich im Spätsommer und führten das Schnittgut in mühsamer Handarbeit ab. Leider brachte die Mahd mit dem Motormäher längerfristig nicht den Erfolg, den man sich erhofft hatte. Das Pfeifengras entwickelte sich prächtig, wertvollere Arten nahmen aber kaum zu. Mit der Zeit nahm der anfängliche Enthusiasmus der Vereinsmitglieder ab, die Orchideengebiete zu pflegen. «Am Schluss mussten wir vom Vorstand die mühsame Arbeit manchmal alleine verrichten», meint Gasser lakonisch.
Vor dem Beweidungsversuch mähte der Verein die Pfeifengras-Föhrenwälder jährlich einmal im Spätsommer. © NVSC Bözberg
Helferinnen und Helfer sammelten das Schnittgut von Hand ein und transportierten es ab. © NVSC Bözberg
Eine Idee nimmt Gestalt an
Auf Reisen in Südeuropa und in der Türkei kam Gasser eine Idee. Hier im Süden werden die Wälder beweidet, die Wälder sind licht und artenreich, die Rinder können sich bei starker Sonneneinstrahlung in den Schatten zurückziehen. Die Überlegungen, dass die naturschützerisch wertvollen Föhrenwälder ja durch Beweidung entstanden sind und dass das Rind eigentlich ein Waldtier ist, führten zum Plan: Die Pflege der Bözberger Orchideengebiete kann um einiges vereinfacht werden, wenn Rinder die Flächen pflegen anstatt der Mensch mit dem Motormäher.
Den Vorstand des NVSC Bözberg und die Gemeinde konnte Gasser schnell für seine Idee begeistern. Doch der Kanton winkte ab: Wenn eine Bewilligung ausgestellt würde, dann nur als Ausnahme und ohne Rechtsgrundlage; das Waldgesetz verbietet die Weide im Wald.
Nach einigem Hin und Her kam dann die Ausnahmebewilligung zwei Jahre später doch noch. Die Rinder, die in den Wald sollten, waren schnell gefunden. Ein Vereinsmitglied des NVSC Bözberg ist Hobbybauer und hält eine Herde Dexter Rinder. Diese ursprünglich aus Irland stammende Rinderrasse ist relativ klein, genügsam und kommt gut in hügeligem Gelände zurecht. Kurzerhand wurden die Rinder im Oktober 2003 zu Fuss auf Feldwegen in den einen Kilometer entfernten Föhrenwald geführt, da damals eine Transportmöglichkeit für die sechs Tiere fehlte.
Seither weiden sechs bis zehn Rinder zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Wald – auch während der Blütezeit der Orchideen. Wichtig ist, dass kurz und mit hohem Besatz beweidet wird. So entstehen auch kleinflächige, kahle Stellen, die als Keimbeete für viele seltene Arten dienen. Dank den guten Ergebnissen konnte der auf anfänglich fünf Jahre befristete Beweidungsversuch um weitere fünf Jahre verlängert werden.
Kampf gegen die Windmühlen des Gesetzes
«Es ist nicht einfach, etwas zu machen, das vom Gesetz her nicht vorgesehen ist», erklärt Gasser, «auch wenn es aus naturschützerischer Sicht durchaus Sinn macht. Im Wald gilt das Waldgesetz, dann erst kommt das Naturschutzgesetz zum Zug». Einige Leute hätten auch falsche Vorstellungen, was Rinder im Wald anstellten; sie meinen, die Rinder würden im Wald wie Elefanten wüten und Bäume umstossen.
Auch von Seiten der Orchideenfreunde spürte Gasser Opposition. Trotz positiven Versuchsresultaten sind vor allem ältere Personen überzeugt, dass einzig die Mahd mit anschliessendem Abführen des Schnittguts die richtige Pflegemassnahme der Orchideengebiete sei. Dass das Beweidungsprojekt trotz Widerständen erfolgreich verläuft, führt Gasser auf folgende Faktoren zurück: «Man muss dran bleiben, ein gutes Verhältnis zu allen Partnern pflegen, überzeugt sein von der Sache und über das nötige Fachwissen verfügen». Letzteres bringt der Geobotaniker zweifelsohne mit.
Max Gasser ist seit 25 Jahren als Präsident für den NVSC Bözberg unterwegs. © SVS
Immer mal wieder etwas Neues
Nächstes Jahr feiert der NVSC Bözberg sein 50-jähriges Jubiläum. Auch nach 25 Jahren als Präsident zeigt Max Gasser noch keine Müdigkeit. Sein Rezept, die Vereinsmitglieder «bei der Stange» zu halten, ist einfach: «Es braucht immer wieder neue Ideen.» Derzeit bringt Claudia Müller neuen Elan in die Betreuergruppe der Nistkästen. Die Ornithologin informiert die Mitglieder der Gruppe über neuste Erkenntnisse aus der Turmfalken- und Schleiereulenforschung und betreut die Gruppe organisatorisch.
Neben dem Beweidungsprojekt berät der Verein die Gemeinde bei der Restaurierung einer Trockenmauer und pflegt einen Hochstammobstgarten und einen Weiher. Bei diesem handelt es sich um ein Amphibienobjekt von nationaler Bedeutung. Probleme mit dem Nachwuchs hat der Verein derzeit keine. Die Jugendgruppe des Vereins wurde vor zwei Jahren wieder neu belebt, dieses Jahr fand die offizielle Taufe statt.
Lisa Bose ist Redaktorin von Ornis.
Natur- und Vogelschutzclub NVSC Bözberg
Gründung: 1962 durch den damals jugendlichen Thomas Stahel, seine Schwester und zwei Nachbarskinder
Präsident: Max Gasser
Mitglieder: ca. 170
Jugendgruppe: Offizielle Neugründung der Gruppe «Bözberger Flädermüs» im März 2011
Kontakt: mgasser@pop.agri.ch
Website: www.nvsc-boezberg.ch
Der NVSC Bözberg ist eine Sektion von BirdLife Aargau und des SVS/BirdLife Schweiz.
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