Der Kiebitz wird in der Schweiz seit 25 Jahren gezielt gefördert. Dieses grosse Engagement stoppte den dramatischen Rückgang der Art. Doch seit zehn Jahren stagniert der Brutbestand. Was braucht es jetzt, um dem Kiebitz eine Zukunft zu sichern? Ein BirdLife-Pilotprojekt geht neue Wege.
Die fortlaufende Intensivierung der Landwirtschaft führte zu einem Einbruch des Kiebitzbestands, von beinahe 900 Brutpaaren im Jahr 1985 auf nur noch etwa 150 im Jahr 2000. Zahlreiche Akteure – darunter BirdLife – haben seither erhebliche Anstrengungen und Ressourcen in die Förderung dieser Art investiert, welche heute überwiegend auf vernässten Acker- und Weideflächen brütet. Damit gelang es, den Rückgang zu stoppen: Nach dem absoluten Minimum in den Jahren 2004/05 mit nur noch etwa 80 Brutpaaren stieg die Zahl wieder auf etwa 200 Paare im Jahr 2015 an. Dadurch konnte auch die Zahl der jährlich besetzten Brutkolonien bei rund 25 stabilisiert werden.
Die Entwicklung zeigt, dass die bisherigen Schutzbemühungen einen weiteren Rückgang verhindern und eine gewisse Erholung ermöglichen konnten. Ohne dieses langjährige Engagement wäre der Kiebitz heute in der Schweiz vielleicht bereits ausgestorben. Seit 2015 ist jedoch keine weitere positive Entwicklung mehr feststellbar: Der Bestand stagniert und der Kiebitz bleibt gemäss der Roten Liste der Brutvögel der Schweiz von 2021 weiterhin stark gefährdet.
Eine zentrale Ursache für die Stagnation dürfte der anhaltend unzureichende Bruterfolg sein. In den vergangenen 15 Jahren wurde der für den Bestandserhalt notwendige Schwellenwert von 0,8 flüggen Jungvögeln pro Weibchen lediglich in vier Jahren erreicht oder knapp überschritten. Für eine nachhaltige positive Bestandsentwicklung muss dieser Minimalwert jedoch deutlich übertroffen werden, damit bestehende Kolonien wachsen und die Vögel neue Gebiete besiedeln können. Damit ist festzuhalten, dass die Schweizer Kiebitzpopulation auch heute noch weit unter der kritischen Schwelle für eine überlebensfähige Population ist. Ein «Weiter so» im Kiebitzschutz ist entsprechend nicht ausreichend. Aus Sicht von BirdLife Schweiz sind neue Ansätze notwendig.
Die zentralen Probleme liegen vor allem in der unzureichenden Qualität der Brutbiotope, die allesamt von intensiver Landwirtschaft und Stickstoffeinträgen beeinflusst werden. Wie ein perfekter Lebensraum für den Kiebitz aussieht, zeigen Bilder der Flussinseln des Prypjat in Belarus. Im Frühling überschwemmt der Fluss die Aue, sodass an höher gelegenen Stellen kleine Inseln von 0,5–2 ha mit grasiger Vegetation entstehen.
Diese Inseln bestehen nur wenige Wochen, verändern ihre Form mit sinkendem oder steigendem Wasserstand und sind von flachem Wasser umgeben. Sie können von Fressfeinden wie dem Fuchs kaum erreicht werden. Mit dem Rückzug des Hochwassers verschwinden die Inseln wieder und verschmelzen nahtlos mit den umliegenden Wiesen und Weiden. Auf den Flussinseln des Prypjat erreicht der Kiebitz hohe Siedlungsdichten von etwa 30 Nestern pro Hektare. Der Bruterfolg ist aussergewöhnlich hoch: Die Überlebenswahrscheinlichkeit der Küken bis zum Flüggewerden beträgt 54–70 %, was 2,1–2,8 flüggen Jungvögeln pro Weibchen entspricht.
Auch in den grossen Flussauen der Schweiz an Aare, Reuss, Rhone, Rhein und Thur waren solche Lebensräume vor den grossen Flussregulierungen, die etwa 1850 begannen, weit verbreitet (siehe Bild oben). Darauf weisen unter anderem Hans Noll-Toblers Ausführungen im Buch «Sumpfvogelleben» (1924) zur Linthebene hin, wo von periodischen Überschwemmungen mit einem Wasserstand von 10 bis 15 cm die Rede ist, und von «kleinen Inselchen, kaum 2–16 m2 gross», die beliebte Brutplätze so mancher Vögel seien.
Bei den heute bestehenden Brutplätzen der Kiebitze in der Schweiz handelt es sich allerdings meist um kleine Flächen von wenigen Hektaren oder weniger. In den halbnatürlichen Feuchtgebieten ist der Boden zur Brutzeit häufig zu trocken; offene Bodenstellen mit schlammigem Rohboden fehlen, und die Vegetation wächst im Verlauf des Frühlings rasch und dicht auf. Auch auf Äckern und intensiv genutzten Wiesen mangelt es an ausreichender Bodenfeuchte, während Wiesen und Ackerkulturen im Frühling ebenfalls schnell und hoch aufwachsen. Hinzu kommen zahlreiche Nutzungskonflikte mit den Bewirtschafter/innen, die während sensibler Phasen des Brutzyklus Bodenbearbeitungen oder Mahd vornehmen möchten.
Ein weiterer erschwerender Faktor ist die deutliche Zunahme der Fuchspopulationen. Sie setzte verstärkt ein, nachdem ihr natürliches Regulativ – die Tollwut – infolge flächendeckender Immunisierungskampagnen in Westeuropa ab Ende der 1970er-Jahre weitgehend eliminiert wurde. Zusätzlich profitieren Füchse von den hohen Nährstoffüberschüssen aus der Landwirtschaft, die ein erhöhtes Nahrungsangebot (insbesondere Kleinsäuger) und indirekt höhere Bestandsdichten ermöglichen. Auch die immer milderen Winter aufgrund des Klimawandels kommen ihnen zugute.
Für BirdLife ist klar: Die Kiebitz-Artenförderung ist derzeit zu stark von günstigen Zufallskonstellationen und zu wenig von strukturell gesicherten Rahmenbedingungen abhängig.
In zahlreichen Kiebitzprojekten werden daher mobile Elektrozäune eingesetzt, um primär den Fuchs, aber auch andere Fressfeinde von den Brutgebieten abzuhalten. Diese Zäune erweisen sich jedoch nur als begrenzt wirksam und können von einzelnen Füchsen in vielen Fällen überwunden werden. Selbst ein 1,50 m hoher Litzenzaun in Kombination mit einem Flexinetzzaun vermochte es im Jahr 2025 nicht, Füchse von der Kiebitz-Förderfläche im Grossen Moos (BE) zuverlässig fernzuhalten. Das Errichten, Unterhalten und Ausmähen der Zäune ist zudem mit einem hohen Arbeits- und Kostenaufwand verbunden. Überdies führt der Unterhalt des Zaunes während der Brutzeit zu erheblichen Störungen.
Für BirdLife ist klar: Die Kiebitz-Artenförderung ist derzeit zu stark von günstigen Zufallskonstellationen und zu wenig von strukturell gesicherten Rahmenbedingungen abhängig. In einzelnen Jahren werden zwar Erfolge erzielt – etwa wenn kein Fuchs den Zaun zu überwinden vermag und die Witterung mitspielt. Solche günstigen Konstellationen ermöglichen punktuelle Erfolge, lassen sich jedoch etwa in trockenen Jahren mit hohen Fuchsdichten nicht wiederholen.
Insgesamt ergibt sich daraus ein wiederkehrendes Auf und Ab von Erfolgen und Misserfolgen, ohne dass eine weitere, dringend notwendige Bestandszunahme gesichert ist. Die Grenzen der bisherigen Ansätze sind dabei nicht Ausdruck fehlenden Engagements, sondern Ergebnis struktureller Rahmenbedingungen, die den Handlungsspielraum einschränken. Zu diesen Rahmenbedingungen gehört insbesondere die Agrarpolitik, die bisher viel zu wenig Anreiz für eine konsequente Förderung der Artenvielfalt auf grossen Flächen bietet.
Es braucht mehr Kiebitz-«Inseln»
Grosse Auenrenaturierungen würden die Entstehung natürlicher, dynamischer Lebensräume wieder ermöglichen, sind aber unter den heutigen Rahmenbedingungen in der Schweiz schwierig umsetzbar. Daher ist es für den Kiebitzschutz nun unerlässlich, hauptsächlich im Kulturland funktional vergleichbare «künstliche Inseln» mit optimalen Bedingungen zu schaffen und diese durch bessere, wirklich prädatorensichere Zäune zu schützen.
Ein weithin bekanntes Beispiel für eine solche «künstliche Insel» ist das Bingenheimer Ried in Hessen in Mitteldeutschland. Dort wurden ab 2018 insgesamt 85 ha optimaler Lebensraum mit einem fuchssicheren Festzaun eingezäunt. Während der Bestand vor der Massnahme bei 85 brütenden Kiebitz-Weibchen lag und der Bruterfolg lediglich etwa 0,3 flügge Jungvögel pro Brut betrug, stieg er innerhalb von fünf Jahren auf 252 brütende Weibchen an, bei einem Bruterfolg von rund 1,7 flüggen Jungvögeln pro Brut. Im angrenzenden Reichelsheim wurden mit dem gleichen Konzept auf 6 ha Fläche 175 junge Kiebitze flügge – das ist mehr als die Zahl der flüggen Jungvögel 2025 in der gesamten Schweiz!
Neben dem Kiebitz profitieren zahlreiche weitere bedrohte Arten von diesen «Inseln der Ruhe». So wurden im Bingenheimer Ried im Jahr 2023 unter anderem 22 Löffelenten-, 4 Knäkenten-, 2 Krickenten-, 25 Schnatterenten- und 7 Tafelentenfamilien nachgewiesen. Zudem gelangen auch in Reichelsheim bemerkenswerte Brutnachweise seltener Arten, darunter der erste hessische Brutnachweis des Rotschenkels und sogar ein Bruthinweis des Kampfläufers. Die Erfolge dieser Massnahme sind damit eindeutig belegt.
Pilotprojekt «BirdLife-Kiebitzfläche bei Ins»
An dieser Stelle ist ausdrücklich festzuhalten, dass die bisherigen Erfolge in der Schweiz ausschliesslich dem grossen Engagement zahlreicher Bewirtschaftender, Projektverantwortlicher, Freiwilliger, Fachpersonen und Behörden zu verdanken sind. Ohne diesen Einsatz wären weder die Stabilisierung des Bestands noch die gesammelten Erfahrungen möglich gewesen, auf denen die heutigen Schlussfolgerungen aufbauen.
Um einen Schritt weiterzukommen, baut BirdLife seit 2015 im Grossen Moos ein Kiebitzprojekt auf, das sich an den gemachten Erfahrungen im In- und Ausland orientiert. Die Kiebitzfläche bei Ins (BE) kann dabei als Pilotprojekt für die Schweiz betrachtet werden. Die Fläche umfasst inzwischen rund 6 ha und wird seit 2024 mit Schottischen Hochlandrindern beweidet. Durch die temporäre Schliessung von Drainagen und den Einsatz von Solarpumpen konnte eine optimale Wiedervernässung erreicht werden.
Der bislang eingesetzte mobile Zaun wird auf die Brutsaison 2026 hin durch einen permanenten Festzaun ersetzt. Er ist mit 1,80 m höher als bisher üblich, hält den Fuchs effektiv fern und ist für Wildtiere ungefährlich. Damit entsteht 2026 die erste «Kiebitzinsel» der Schweiz, die optimale Bedingungen für die stark gefährdete Art verspricht. Das Ziel ist es, in den nächsten Jahren weitere Inseln nach gleichem Schema zu schaffen. Folgende Minimalanforderungen gelten für derartige Flächen:
1. Grösse und Lage Mindestens 5 ha zusammenhängende Fläche innerhalb einer offenen Landschaft auf stauwassergeprägten Standorten, z. B. im Ackerland. Die beteiligten Landwirte werden im Rahmen der Direktzahlungen für die Brachlegung der Fläche entschädigt. Der Abstand zu Wald- und Siedlungsrändern sowie zu anderen Vertikalkulissen (Baumreihen, Häuser etc.) muss mindestens 150 m betragen; eventuell vorhandene Gehölze innerhalb des Perimeters sind zu entfernen.
2. Wiedervernässung Wiedervernässung durch die dauerhafte Schliessung sämtlicher Drainagen und Entwässerungsgräben, gegebenenfalls ergänzt durch den Einsatz von Solarpumpen oder dem gezielten Einstau von Gewässern. Das Ziel ist es, möglichst viel Wasser zu Beginn der Brutperiode im Gebiet zurückzuhalten.
3. Dynamische Kleinstrukturen Jährlich wiederkehrende Anlage von flachen, temporär wasserführenden Senken und unbewachsenen Standorten auf mindestens einem Drittel der Fläche, um geeignete Nahrungs- und Aufzuchtbedingungen für die Küken sicherzustellen.
4. Angepasste Beweidung Eine extensive Beweidung mit Wasserbüffeln oder robusten Rinderrassen. Bewährt haben sich insbesondere Schottische Hochlandrinder und Galloway-Rinder. Die Besatzdichte ist standortabhängig und an der gewünschten Habitatstruktur auszurichten: hoher Rohbodenanteil (offene Bodenstellen mit feuchtem Schlamm), kurzrasige (niedriger als 20 cm), lückige Vegetation. Eine Ganzjahresbeweidung ist von Vorteil.
5. Prädationsschutz Errichtung eines prädatorensicheren Schutzzauns, wobei sich permanente Festzäune als die effektivste und effizienteste Lösung erwiesen haben. Auch wenn die Anlagekosten nicht zu unterschätzen sind, amortisieren sich die Investitionskosten aufgrund des geringeren Arbeitsaufwands rasch. Vor allem aber zeigen die Projekte mit Zäunen dieser Art, dass sie im Vergleich zu den temporären Zäunen den Fuchs effektiv fernhalten können: der zentrale Punkt der Zäunung!
Um rund 500 brütende Weibchen mit einem Bruterfolg deutlich über dem Selbsterhaltungsniveau zu erreichen, wären in der Schweiz etwa 20 solcher Kerngebiete erforderlich. Ein erster wichtiger Schritt ist bereits gemacht: Wir sind zuversichtlich, dass sich die Kiebitzfläche in Ins als Vorbildmodell für weitere Projekte etablieren kann. Die Erfahrungen in Ins zeigen jedoch auch, dass es einen langen Atem braucht. Dort hat es rund zehn Jahre gedauert, bis der heutige Stand erreicht werden konnte. Der Aufwand lohnt sich jedoch – und wir unterstützen interessierte Akteure gerne auf diesem Weg.
Idealerweise lässt sich durch eine gemeinsame Begehung in Ins mit interessierten Entscheidungsträgern anderer Projekte vermeiden, dass überall derselbe lange Lernprozess durchlaufen und die gleichen Fehler wiederholt werden. Dazu zählt etwa der Einstieg mit mobilen Zäunen, obwohl die europa- und schweizweiten Erfahrungen klar zeigen, dass diese langfristig zu wenig Schutz bringen. Ziel ist es, von Beginn an konsequent und abgestimmt vorzugehen, sodass alle Massnahmen ineinandergreifen und nicht nur einzelne Elemente umgesetzt werden. Wo das gelingt, wird sich der Erfolg einstellen – wir sind gespannt!
Wir möchten uns abschliessend bei all jenen bedanken, die sich in den vergangenen Jahrzehnten mit grossem persönlichem Einsatz für den Kiebitz engagiert haben – oft unter schwierigen Bedingungen und mit begrenzten Mitteln. Die hier skizzierten neuen Ansätze bauen direkt auf diesen Erfahrungen auf. Sie sind kein Bruch mit dem bisherigen Engagement, sondern dessen konsequente Weiterentwicklung.
Florian Straub ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei BirdLife und Lucas Lombardo Projektleiter Artenförderung. Martin Schuck ist Leiter der Abteilung Artenförderung.
Bitte unterstützen Sie die Projekte von BirdLife!
Helfen auch Sie mit, Artenförderungsprojekte wie jene im Grossen Moos zu finanzieren – vielen Dank!
Ornis ist die Zeitschrift über Vögel, Natur und Naturschutz. Entdecken Sie 6-mal im Jahr wunderbar bebilderte Berichte, Reportagen aus dem In- und Ausland, Portfolios und vieles mehr!
Haben Sie ein Abo? Melden Sie sich an (Link ganz oben) und lesen Sie innert Sekunden weiter.
Kiebitzschutz am Scheideweg