«Ich erkenne mich in der Schwanzmeise wieder»

Sylvain Antoniazza ist seit anfangs Jahr neuer «Directeur romand» von BirdLife Schweiz. Der Biologe bringt viel Erfahrung aus Forschung und Praxis mit. Im Interview erzählt er, was ihn antreibt, wohin er BirdLife in der Westschweiz führen will und wieso er sich der Schwanzmeise verbunden fühlt.


Sylvain Antoniazza, ein Teil der Lesenden kennt dich wohl bereits durch deine Tätigkeit in der Ornithologie. Dennoch: Wer bist du?

Ich bin im waadtländischen Yvonand am Neuenburgersee aufgewachsen, einen Steinwurf vom grossen Naturschutzgebiet Grande Cariçaie entfernt. Die Natur war von klein auf ein zentraler Bestandteil meines Lebens, nicht zuletzt, weil mein Vater Biologe und Ornithologe war. Ich habe Biologie an der Universität Lausanne studiert und mich auf die Ornithologie spezialisiert. In meiner Dissertation habe ich mich mit der Schleiereule beschäftigt und untersucht, wie sich die Farb­unterschiede zwischen europäischen Populationen seit der letzten Eiszeit entwickelt haben. Danach arbeitete ich 13 Jahre lang an der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, wo ich unter anderem den Brutvogelatlas für die Westschweiz koordinierte. Diese Zeit war fachlich wie persönlich sehr prägend. Ich lebe zusammen mit meiner Partnerin und habe drei kleine Kinder, die mir nebst der Arbeit sehr wichtig sind.

 

Wie bist du zur Ornithologie gekommen? Und was hat dich dazu bewogen, diese Leidenschaft im Studium und später beruflich weiterzuverfolgen?

Ich habe mich schon als Kind für die Vogelwelt interessiert, sicher auch wegen meines Vaters, und habe früh mit der eigenen Beobachtung angefangen. Als Jugendlicher war ich Mitglied der Jugendgruppe von Nos Oiseaux und habe diese zeitweise präsidiert. Das war eine unglaublich bereichernde Erfahrung: Man ist unter Gleichgesinnten, übernimmt Verantwortung, entwickelt eigene Projekte und knüpft Freundschaften, die bis heute halten. Im Studium hat mich dann nicht nur die Ornithologie begeistert, sondern die Biologie insgesamt. Auch heute noch faszinieren mich die enorme Vielfalt des Lebens und die Mechanismen, die sie hervorbringt.  

 

Was hat dich dazu motiviert, dich als Directeur romand von BirdLife zu bewerben?

Diese Funktion ist in der Westschweiz sehr wichtig. Mein Vorgänger François Turrian hatte eine starke öffentliche Präsenz und war eine bedeutende Stimme für den Vogelschutz und die Biodiversität. Ich habe mich durchaus gefragt, ob ich in seine grossen Fussstapfen treten kann. Gleichzeitig war genau das eine grosse Motivation: die Möglichkeit, in einer Schlüsselrolle konkret und wirkungsvoll für die Förderung der Natur zu arbeiten. Ein weiteres Plus war, in unmittelbarer Nähe «meines» Neuenburgersees arbeiten zu können (lacht). Das BirdLife-Naturzentrum La Sauge und die umliegenden Feuchtgebiete sind für mich fachlich und emotional sehr bedeutend. Dass ich nun privat wie beruflich hier verankert bin, hat meine Entscheidung bestärkt. 

 

Du hast die erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit deines Vorgängers François Turrian angesprochen. Wie wirst du diese Rolle gestalten?

Ich werde sicher nicht versuchen, François zu kopieren, aber ich möchte in seinem Sinn weitermachen. Mir ist es wichtig, gute Geschichten zu erzählen und diese mit soliden Fakten zu verbinden. Ich hoffe, dass meine Stimme für die Natur und Biodiversität gehört wird und ich zur öffentlichen Debatte beitragen kann. Stets sachlich und klar, getragen von einer grossen Leidenschaft für die Naturförderung. Es ist absolut zentral, aufzuzeigen, wie wunderbar die Natur und auch wie wichtig sie für jede und jeden von uns ist. Sie ist schliesslich unsere Lebensgrundlage. 

 

Was ist aus deiner Sicht die Stärke von BirdLife?

Eine der grössten Stärken ist das grosse Netzwerk von BirdLife. Wir sind Teil einer sehr gut vernetzten «Familie»: BirdLife ist in der Schweiz lokal, kantonal und national mit seinen 430 Naturschutzvereinen und 19 Kantonalverbänden aktiv. Gleichzeitig engagieren wir uns aber auch international, indem wir mit unseren BirdLife-Partnern zusammenarbeiten und uns austauschen. Eine weitere grosse Stärke sind die vielen Naturschutzprojekte, mit denen BirdLife die Natur vor Ort konkret fördert. Und nicht zuletzt sind es die vielen kompetenten, engagierten Menschen, die im Rahmen der BirdLife-Familie arbeiten oder sich ehrenamtlich einsetzen. 

 

Es ist absolut zentral, aufzuzeigen, wie wunderbar die Natur und auch wie wichtig sie für jede und jeden von uns ist. Sie ist schliesslich unsere Lebensgrundlage. 

 

Was sind in den nächsten Jahren deine Ziele und Schwerpunkte für BirdLife Schweiz in der Romandie?

Ein zentrales Ziel ist sicher der weitere Ausbau des BirdLife-Netzwerks. Gleichzeitig möchte ich, dass BirdLife in der Romandie medial gut positioniert ist und ein breites Publikum erreicht. Wir müssen unsere Arbeit und Themen verständlich und sichtbar machen. Ich wünsche mir zudem, dass wir noch mehr konkrete Projekte umsetzen können, auch in Zusammenarbeit mit den lokalen Naturschutzvereinen. Ebenso wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit den Kantonen und den Behörden, aber auch mit den Landwirt/innen. Diese Beziehungen zu pflegen, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, sehe ich als weitere zentrale Aufgabe.

 

Was sind für dich die grössten Herausforderungen für den Vogelschutz und die Biodiversität in der Westschweiz?

Die grösste Herausforderung ist für mich ganz klar die Biodiversitätskrise. Dies betrifft die ganze Schweiz: Mehr als ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten hierzulande ist gefährdet, die Hälfte der natürlichen Lebensräume ebenso. Hier macht die Schweiz eindeutig zu wenig. Eine weitere Herausforderung ist der Klimawandel. Einige Auswirkungen sehen wir bereits heute, andere werden erst auf uns zukommen. Wir müssen uns deshalb überlegen, wie wir den Naturschutz künftig gestalten und anpassen. 

 

Wo siehst du neue Chancen?

Chancen sehe ich darin, dass das Bewusstsein für den Wert der Natur in den letzten Jahren gewachsen ist. Mein Vater galt vor 30 oder 40 Jahren mit seinen Anliegen noch oft als Aussenseiter. Heute wird der Schutz und die Förderung der Natur stärker wahrgenommen, auch wenn kurzfristig gesehen die Bedeutung des Naturschutzes in der öffentlichen Meinung etwas schwankt. Es bleibt auf jeden Fall viel zu tun. 

 

Abschliessende Frage: Hast du einen Lieblingsvogel?

Ich mag die Schwanzmeise (lacht). Weil sie so süss aussieht, aber vor allem wegen ihres Sozialverhaltens. Denn Schwanzmeisen sind Teamplayer: Sie leben das ganze Jahr über in geselligen Gruppen, unterstützen sich bei der Nahrungssuche unter anderem im Winter, wenn das Überleben für so kleine Vögel schwierig sein kann, und verteidigen gemeinsam ein Revier. Zudem helfen Verwandte bei der Aufzucht von Jungvögeln aus, wenn ein Elternteil ausfällt. Ich erkenne mich in der Schwanzmeise wieder: Auch ich arbeite am liebsten im Team und ich bin überzeugt, dass wir im Naturschutz am erfolgreichsten sind, wenn wir gemeinsam anpacken!

 

Dario Pollice ist Redaktor von Ornis. 

 

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