Ein König ohne Land

Der Wachtelkönig besiedelte einst viele Wiesen – auch bei uns. Aufgrund der Intensivierung der Landwirtschaft verlor er in fast ganz West- und Mitteleuropa seinen Lebensraum. BirdLife Schweiz setzt sich im Rahmen eines Artenförderungsprojekts mittlerweile seit 30 Jahren für die Art ein. Eine Zwischenbilanz.


Ein monotoner, durchdringender, fast mechanisch anmutender «Lärm» unterbricht die nächtliche Stille. Was ist das? Eine Maschine? Ein Frosch? Eine allzu laute Heuschrecke?

Was heute kaum mehr bekannt ist, gehörte früher genauso zu einer lauen Frühsommernacht wie das Zirpen der Grillen: das unverkennbare Rätschen des Wachtelkönigs. Wer dessen Ruf heute in der Schweiz hört, erlebt etwas Besonderes. Denn der königliche Vogel ist selten geworden, ruft mal dort, mal da, immer aus ungemähten grossen Wiesen, oft in den Bergen wie zum Beispiel im Unterengadin. Und wo er auftaucht, setzt BirdLife Schweiz zusammen mit Landwirtinnen und Landwirten sowie Kantonen alle Hebel in Betrieb, um seinen Lebensraum und sein Nest zu schützen. Aus gutem Grund.

Als BirdLife Schweiz 1996 – also vor genau 30 Jahren – das Artenförderungsprojekt Wachtelkönig lancierte, war die Art als regelmässiger Brutvogel aus der Schweiz faktisch verschwunden. Gerade einmal zwei Brutversuche wurden in zwanzig Jahren festgestellt; gesicherte Bruten gab es in dieser Zeit keine mehr. Eines war also klar: Wenn der König der Wiesen als Brutvogel erhalten bleiben sollte, musste sofort gehandelt werden. Hinzu kam der internationale Kontext. Der Eu­roparat forderte im Rahmen eines «European Action Plans» ausdrücklich, dass auch die Schweiz aktiv wird. Denn in ganz Westeuropa waren die Bestände bereits so stark zusammengebrochen, dass die Vogelart bis heute in fast allen Ländern der Region als «vom Aussterben bedroht» auf den Roten Listen steht. Nur weit im Osten – insbesondere in Russland – waren und sind noch grössere Populationen vorhanden (siehe Seite 9). Dennoch: Eine Art, die unser Grasland noch vor wenigen Jahrzehnten fast flächendeckend bevölkert hat und bei der das Potenzial einer Wiederbesiedlung gegeben ist, durfte und darf nicht einfach aufgegeben werden. 

Erstes Förderprojekt für einen Vogel


Das Artenförderungsprojekt Wachtelkönig war das erste gezielt auf eine Vogelart ausgerichtete Förderungsprojekt der Schweiz. Was als Pilotprojekt begann, wurde zur Geburtsstunde der Artenförderung in der Schweiz: Im Rahmen des Programms «Artenförderung Vögel Schweiz» folgten nach und nach viele weitere Förderprojekte.

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Es braucht ausserordentliches Glück, um einen Wachtelkönig nicht nur hören, sondern auch sehen zu können. © Beat Rüegger


Doch stellen wir den Wachtelkönig (Crex crex) kurz vor. Er lebt wie seine Rallen-Verwandten verborgen in dichter Vegetation. Was ihn verrät, ist sein namensgebender Ruf, der an eine laute Heuschrecke erinnert: «rrrrrep, rrrrrrep...» oder eben «crex, crex...». Vor allem unverpaarte Männchen rufen in den frühen Sommernächten fast pausenlos, oft zwischen 23 Uhr und den frühen Morgenstunden. Mit 27–30 cm ist der Wachtelkönig deutlich grösser als die ähnliche, aber nicht verwandte Wachtel. Sein Gefieder ist unauffällig – perfekt angepasst an ein Leben im Verborgenen.

Der Wachtelkönig ist ein Langstreckenzieher, überwintert im Süden Afrikas und erreicht die Schweiz ab Mai. Die meisten Individuen treffen allerdings noch später, im Juni, ein. In den Wochen zuvor wurden die Wiesen im Mittelland bereits gemäht und waren nicht besiedelbar. Zu uns kommen daher hauptsächlich Vögel, die vorher schon an einem anderen Ort zu brüten versuchten oder die noch ein zweites Mal brüten wollen. Die Wiesen, die vom Vogel besiedelt werden, können sowohl trocken als auch feucht sein – wichtig ist jedoch eine ausreichend hohe und dichte, am Boden aber durchlässige Vegetation, die reich an Insekten und anderen Kleintieren ist. Und wichtig ist Zeit. Zeit, um zu brüten. Zeit, um die Jungen aufzuziehen, bevor die Mähmaschine kommt.
 

Karte Wachtelkönig

Orange: Brutgebiet, grün: Durchzug, blau: Winterquartier. Mitteleuropa ist allerdings weitgehend geräumt; der Schwerpunkt der Wachtelkönig-Population (global 1,6–2,6 Mio. Paare) liegt weit im Osten. Der weltweite Trend ist abnehmend. © BirdLife International


Denn der Wachtelkönig brütet am Boden, gut versteckt in der Vegetation. Das Weibchen legt acht bis zwölf Eier, die rund 16 bis 19 Tage bebrütet werden. Danach verlassen die Jungen als Nestflüchter sofort das Nest, bleiben aber in der Deckung der Wiese. Erst im Alter von etwa 38 Tagen sind sie voll flug­fähig. Man rechne also: Damit die Jungen in einer Wiese bis zum flugfähigen Alter überleben, darf die bereits zu Brutbeginn hoch stehende Wiese während mindestens acht Wochen nicht gemäht werden. Ansonsten wird meist die ganze Brut zerstört.

Das grosse Problem: Im Mittelland haben sich die Mähzyklen auf gerade noch drei bis fünf Wochen verkürzt, in den Alpen auf sechs bis zehn Wochen. Kein Wunder, befinden sich heute über 75 % der stationären Rufer oberhalb von 1000 m ü. M. Der Wachtelkönig wurde also innert weniger Jahrzehnte scheinbar zum Bergvogel – allein, weil die Bewirtschaftung dort noch eher mit seinem Lebensrhythmus vereinbar ist. Gleichzeitig hat aber auch die Nahrung massiv abgenommen – Wachtelkönige ernähren sich vorwiegend von Insekten und anderen kleinen Tieren aller Art. Damit ist klar: Ohne Artenförderungsprojekt hat der Wachtelkönig heute bei uns kaum noch eine Überlebenschance.

Der Wachtelkönig ist aber mehr als eine gefährdete Art. Er steht stellvertretend für eine ganze Lebensgemeinschaft. Wo wir Lebensräume für den Wachtelkönig erhalten oder wiederherstellen, profitieren auch andere Arten der extensiven Wiesen – etwa Braunkehlchen, Feldlerche oder Wiesenpieper sowie eine Vielzahl von Insekten und Pflanzen. Dies macht den Wachtelkönig zu einer klassischen Schirmart: Sein Schutz bedeutet immer auch Schutz für ein ganzes Ökosystem.

Als BirdLife 1996 das Pilotprojekt startete, wurde Neuland betreten. Es ging darum, jede vorhandene Brut aufwändig zu suchen und sie einzeln zu schützen. Bereits nach kurzer Zeit konnten erste Erfolge erzielt werden. 1998 gelangen die ersten erfolgreichen Bruten seit über 20 Jahren, 1999 folgte der erste nationale Aktionsplan für eine Vogelart überhaupt.
   

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Projektmitarbeitende und Freiwillige gehen nächtelang auf die Suche nach rufenden Männchen. Wenn sich in einer zu mähenden Wiese noch Jungvögel aufhalten könnten, wird die Mahd begleitet. © BirdLife


Welche Fläche schützen?


Noch heute beginnt die Schutzarbeit mit einem Ruf in der Nacht. Wenn ein Wachtelkönig entdeckt wird, setzt BirdLife Schweiz eine Kette von Schritten in Gang: regelmässige nächtliche Kontrollen durch Projektleitende oder Zivildienstleistende, um festzustellen, ob es sich um ein stationäres Männchen handelt, die Bestimmung des Rufstandorts, gefolgt von der Definition der optimalen Schutzfläche. Das ist anspruchsvoll, weil der exakte Neststandort meist unbekannt bleibt und Männchen einen grossen Aktionsradius von bis zu 250 Metern um das Nest haben – das entspricht 20 Hektaren. Somit genügt es nicht, ein paar Quadratmeter auszusparen, damit ein Brutgeschehen tatsächlich geschützt wird. Es ist nötig, grosszügig zu denken. Die minimale Wiesenfläche, die gemäss Aktionsplan stehengelassen werden muss, ist nur eine Hektare gross – wo immer möglich soll jedoch eine grössere Fläche geschützt werden. Damit verringert sich auch das Risiko, dass das Nest von einem Fuchs oder einem anderen Prädator entdeckt wird.

Was dann folgt, ist der Kontakt mit den Bewirtschaftenden und den kantonalen Stellen. Gemeinsam werden Lösungen gesucht und ein Mahdaufschub oder eine angepasste Bewirtschaftung vereinbart. Ein allfälliger Ertragsausfall wird vom Kanton bezahlt. Das Vorgehen hat auch einen gesetzlichen Hintergrund: Gemäss Jagdgesetz sind wildlebende Vögel und ihre Nester geschützt, also auch Wachtelkönig-Gelege.

Die Bilanz des Projektes bis heute: Seit Beginn konnten über 1000 Männchen während der Brutzeit erfasst und vermutlich weit über 200 Bruten geschützt werden. Solche Zahlen zeigen, dass die gezielte Artenförderung wirkt. Und diese ist auch deshalb wichtig, weil die in der Schweiz brütenden Wachtelkönige Teil einer weit verteilten europäischen Population mit vielen kleinen isolierten Standorten sind. Sie zu schützen, hilft der ganzen Population einer sehr mobilen Art. Damit übernimmt die Schweiz eine wichtige Rolle als Trittstein innerhalb der europäischen Population. 

   

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Nester des Wachtelkönigs werden nur ganz selten gefunden, da die Art extrem heimlich lebt. © Sibyll Bachmann

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Die Küken des Wachtelkönigs sind Nestflüchter und zu Beginn ganz schwarz. © SOS/BirdLife Slowakei


Und doch bleibt nach 30 Jahren des Engagements ein leiser Unterton. Der Wachtelkönig ist in der Schweiz weiterhin vom Aussterben bedroht. Die Bestände sind klein, die Vorkommen schwanken von Jahr zu Jahr – teils massiv. Einzelne Bruten müssen aufwändig geschützt werden, statt dass intakte, grossräumige Lebensräume vorhanden sind, die gefahrlos vom Wachtelkönig besiedelt werden können. Als Teil einer internationalen Arbeitsgruppe sehen wir, dass es auch anders gehen könnte – anders gehen müsste. In Irland beispielsweise wird der Wachtelkönig nicht nur in Einzelpaaren geschützt, sondern es werden gezielt Lebensräume geschaffen, die während der gesamten Brutzeit geeignete Deckung bieten. Dazu werden Flächen mit krautigen Pflanzen angelegt, welche ansonsten durch die intensive Landnutzung weitgehend verschwunden sind: Mädesüss, Engelwurz, Wiesen-Bärenklau oder Wiesenkerbel. Und ja, auch mit der «Lieblingspflanze» des Wachtelkönigs: der Brennnessel. Dank der Fördermassnahmen hat der Bestand des Wachtelkönigs in den irischen Projektgebieten innert fünf Jahren um 50 % zugenommen. Die Vögel besetzen jedes Jahr die gleichen für sie eingerichteten Flächen. Dieser Ansatz zeigt, wohin sich die Wachtelkönig-Förderung entwickeln müsste: weg von der reinen Reaktion, hin zur Wiederherstellung geeigneter Habitate. 
   

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Die meisten Wachtelkönige lassen sich heute in den Bergen nieder. Geschützte Wiesen werden teils mit Tafeln gekennzeichnet. © BirdLife


So weit sind wir in der Schweiz leider noch nicht, v. a. aufgrund politischer Rahmenbedingungen. Denn solche Flächen mit angepasster Bewirtschaftung und Fördermassnahmen, wie sie schon in vielen europäischen Ländern möglich sind und z. B. in Nationalpärken und EU-Schutzgebieten geschaffen wurden, sind in der aktuellen Schweizer Direktzahlungsverordnung kaum vorgesehen. Einmal mehr ist die Schweiz in Sachen Naturschutz trauriges Schlusslicht statt Vorbild.

Lebensräume gestalten


Die Herausforderung der nächsten Jahre wird es somit sein, neben der erfolgreichen «Feuerwehrübung» des Nesterschutzes den Schritt hin zu einer vorausschauenden Lebensraumgestaltung zu schaffen. Gleichzeitig eröffnen sich neue Möglichkeiten durch technologische Entwicklungen. Ein besonders vielversprechender Ansatz sind Wärmebilddrohnen. In Deutschland konnten damit bereits Nester und Jungvögel nachgewiesen werden. Und auch BirdLife Schweiz ist es 2025 erstmals gelungen, Wachtelkönige mit Wärmebilddrohnen nachzuweisen. Dabei entstand eine sensationelle Aufnahme eines Männchens, das einem Weibchen ein Brautgeschenk übergibt. Solche Einblicke in die verborgene Welt der Könige der Wiesen zeigen, welches Potenzial in neuen Methoden steckt – für die Forschung, für das Verständnis der Art, und auch für deren Schutz, wenn sich dadurch zum Beispiel das Nest einfacher lokalisieren lässt.

Technologie allein wird den Wachtelkönig nicht retten. Entscheidend wird es sein, den Lebensraum besser zu schützen und wiederherzustellen. Aber auch der Schutz der einzelnen Nester wird noch lange unumgänglich bleiben – leider. Wenn uns das alles gelingt, dann besteht die Chance, dass der Wachtelkönig nicht nur als Projektart überlebt, sondern wieder selbstverständlicher Teil unserer Landschaft wird. Und vielleicht werden seine nächtlichen Rufe dann wieder häufiger zu hören sein. Nicht als Ausnahme – sondern wieder als das, was sie einmal waren: eine Selbstverständlichkeit.


Lucas Lombardo leitet das Artenförderungsprojekt Wachtelkönig von BirdLife Schweiz.
   

Ein Gemeinschaftswerk


BirdLife Schweiz initiierte das Artenförderungsprojekt Wachtelkönig. Es ist ein Gemeinschaftswerk mit zahlreichen Beteiligten. Ein besonderer Dank gilt dabei den Bewirtschaftenden. Ihre Bereitschaft, Mahdtermine anzupassen und auf kurzfristige Schutzmassnahmen einzugehen, ist für den Erfolg des Projektes entscheidend. Die Kantone und deren Fachstellen ermöglichen durch ihre Unterstützung und Finanzierung die Umsetzung vor Ort – auch ihnen gilt ein grosser Dank, ebenso wie all den Freiwilligen, die mit ihrem Einsatz im Feld die Grund­lage für die Arbeit von BirdLife schaffen.

Unterstützen Sie das Artenförderungsprojekt Wachtelkönig!


Für die erfolgreiche Weiterführung des Artenförderungsprojekts, das auch anderen Arten wie dem Braunkehlchen zugute kommt, benötigt BirdLife Schweiz noch finanzielle Mittel. Möchten Sie das Projekt mit einer Spende unterstützen? Herzlichen Dank im Voraus!

BirdLife Schweiz, Postfach, 8036 Zürich, PC 80-69351-6,
IBAN: CH71 0900 0000 8006 9351 6
(Vermerk: Wachtelkönig)

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